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Strukturwandel verhält sich wie eine sehr heiße Kartoffel: Es läßt sich schlecht anfassen, ist schwer offenzulegen und schmeckt dann am Ende bei richtiger „Zubereitung“ wie ein himmlisches Geschöpf.

Strukturwandel läßt sich nicht rein kommunal betrachten und verlangt zumindest den Blick auf den Kreis Unna. Im Kreis haben wir in den letzten Jahrzehnten versäumt uns als attraktive östliche Region des Ruhrgebiets mit einer starken Geschichte und einer wahrscheinlich noch stärkeren Zukunft besser zu vermarkten.

Nichtsdestotrotz hat Kamen auf jeden Fall einen einschneidenden Strukturwandel durchlaufen. Was in diesem Strukturwandel gefehlt hat, ist der eindeutige Wille, diesen Prozess als öffentliche, regionale Körperschaft bewusst steuern zu wollen. Als Bürgermeister werde ich diesem Thema eine klare Priorität einräumen. Wir müssen Fachkompetenz und das Interesse der Menschen im unserer Stadt wieder vor parteipolitische Interessen stellen.

Gleichzeitig ist ein sinnfälliger und konstruktiver Strukturwandel für Kamen nur auf der Grundlage der Stadtgeschichte und Gegenwart machbar. Das bedeutet wiederum, pro-aktiv sowohl die aktive Kulturpflege und den Denkmalschutz wie auch alternative Jugendbewegungen und ihre Interessen in diesen Strukturwandel miteinzubeziehen.

 

Es geht um unsere Stadt. Leerstand betrifft uns alle! Hauseigentümerinnen und -eigentümer, Bewohnerinnen und Bewohner, Geschäftstreibende, Nutzerinnen und Nutzer der Stadtteilzentren.

Die Innenstadt mit glücklicherweise noch sichtbaren historischen Wurzeln scheint in einem Sog des Leerstands gefangen, der die Menschen unserer Stadt gleichermassen mitreißt.

Der Ausweg scheint oft nicht mehr sichtbar, wenige glauben momentan noch an Möglichkeiten und Veränderung. Die Menschen sind desillusioniert und es gehört auch zu einer vertrauensvollen Arbeit, dies in aller Ehrlichkeit zu benennen. Eben auch das muss ein Bürgermeister leisten: ehrlich sein und Dinge beim Namen nennen.

Aber: Wie in jeder Krise – und eine solche symbolisiert der Leerstand unserer Stadt am deutlichsten – gibt es immer auch Optionen, die einen selbstgewählten Weg hinaus aus der herabziehenden Spirale, hinein in einen langsamen, kontinuierlichen Aufbauprozess beschreiben.

Dieser Transformationsprozess gelingt nur, wenn alle Beteiligten zusammenarbeiten. Das bedeutet, auch die Eigentümer von Wohn- und Gewerbeimmobilien in der Innenstadt und den Nebenzentren in die zwingend notwendige Veränderung der Innenstadt und den Nebenzentren mit einzubeziehen. Allerdings muss in diesem Zusammenhang auch auf den Artikel 14, Absatz 2 des Grundgesetzes hingewiesen werden: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“ Diese Verpflichtung muss in Kamen von allen Seiten wieder mit Leben gefüllt werden.

Dabei gilt es vor allem, das Rückgrat einer Kleinstadt, den inhabergeführten Einzelhandel und deren teils existentiellen Sorgen ernst zu nehmen, sie zu stützen und zu fördern. Hierzu braucht es eine aktive Rolle der Stadt im Ganzen: Nicht nur die Wirtschaftsförderung der Stadt Kamen oder der Interessenverband KIG e.V., sondern die Stadt in der Gesamtheit ihrer Verwaltungs- und besonders ihrer Planungskompetenzen muss sich dieser Aufgabe verschreiben. Damit müssen sich die Stadt Kamen und ihre Verwaltungsorgane sowie der Stadtrat wieder ihrer Steuerungsrolle als Kommune bewusst werden und diese federführend und kommunikativ transparent übernehmen.

Der Bürgermeister muss bei einer so einschneidenden Situation die Moderation an sich ziehen und voll im Interesse aller handeln. Nur ein gemeinsam ausgehandelter Masterplan mit Wirkungskraft über mindestens 25 Jahre, der die Innenstadt und die Nebenzentren fördert, kann dabei erfolgreich sein. In diesem Sinne sei an einen der ganz wichtigen Bürgermeister und Persönlichkeiten der Stadt Kamen erinnert: Gustav Adolf Berensmann. Berensmann stand dafür ein, dass die Stadt immer einen Grundstock an Besitz braucht, um seine Steuerungshoheit bewahren zu können.

Eine kompetente Bürgerschaft braucht Erwachsenenbildung, informelle Bildung für Jung und Alt jenseits der klassischen Institutionen und – ganz wichtig – politische Bildung. Dies stärkt die Möglichkeiten der aktiven Teilhabe und Mitgestaltung der Bürgerinnen und Bürger an unserer kommunalen Zukunft.

So können Bürgerhaushalte und kreative Ideen aus der Zivilgesellschaft, die direkte Mitbestimmung junger Menschen und Interessen von Nachbarschaften gezielt gefördert werden. Es geht in der Arbeit nicht darum, zu warten, bis die Interessen formuliert auf dem Tisch der Politik und der Verwaltung landen. Es geht darum, die Ideen und das kreative Potential der Stadt – die eigentlich wichtigste Ressource Kamens – an der Basis abzuholen und mitzugestalten.

Dabei sind allerdings alle gefragt. Nicht nur die Volkshochschule, sondern auch Vereine und die Wirtschaft, die sich einbringen müssen und mit einer Bildungsinitiative daran arbeiten, dass Kamen

  1. mehr prosperiert
  2. stärker an den Interessen aller sozialen Gruppen interessiert ist
  3. die friedliche Koexistenz aller Kulturen mitgestaltet
  4. dazu beiträgt, dass heute schon die soziale und interkulturelle Kompetenz vorhanden ist, die es in 20 Jahren ermöglicht, auch dann einem neuen strategischen Ausblick von Kamen zu arbeiten.

Bildung ist die Keimzelle und das Rückgrat der gesamten Entwicklungsmöglichkeit einer Stadt. Bildung ist das Kernelement der Zukunft. Alle anderen wichtigen Themen der Erneuerung von Kamen werden nur so einen Sinn ergeben.

Moderne Verwaltungsarbeit bedeutet im Zusammenspiel mit einer kompetenten Bürgerschaft, Ideen und Visionen der Menschen in Kamen immer wieder zu fördern.

Wenn wir in diesem Zusammenhang von pro-aktiv sprechen, meinen wir, dass die Verwaltung lernen muss, nicht mehr auf die Bürgerinnen und Bürger zu warten, sondern tatsächlich mit ihren Anliegen und Vorschlägen in die Stadt hinaus zu gehen. Dies betrifft alle Verwaltungseinheiten von den Sachbearbeiterinnen bis zum Bürgermeister. So stelle ich mir einen Veränderungsprozess in Kamen vor: Gemeinsam müssen wir lernen, wie wir unser lokales Veränderungsmanagement in die Wirklichkeit umsetzen können.

Bürgerinnen und Bürger gestalten die Reformierung ganz aktiv mit. So werden zukünftig Verwaltungseinheiten verstärkt an den Interessen einer kompetenten Bürgerschaft orientiert. Gleichzeitig müssen wir intensiv an der interdisziplinären, interkommunalen und vor allem auch internationalen Zusammenarbeit arbeiten und uns alle, die Bürgerinnen und Bürger gemeinsam mit den Angestellten der Verwaltung, fit machen für das 21. Jahrhundert.

Wir sind sehr, sehr viele Kamenerinnen und Kamener, wir sind viele verschiedene Nachbarschaften und Kulturen, haben unterschiedliche Glaubensvorstellungen, leben unsere persönlichen Vorstellungen unseres Lebens und können damit die Stadt als Ganzes aktiv weiterentwickeln.

Die Potentiale all dieser unterschiedlichen Lebensentwürfe, die Geschichten, die all die Menschen mitbringen, sind die Kraft, der Motor, der Kamen einen lebendigen, atmosphärisch dichten und kommunikativen Charakter verleihen kann.

Dafür stehe ich als Bürgermeister mit all meinen Erfahrungen in der interkulturellen Arbeit und mit all meiner Empathie und Leidenschaft für die Menschen unserer Stadt.

In den letzten Jahren hat sich im Bereich der aktiven Kinder- und Jugendarbeit viel getan. Aber noch immer sind Kinder und Jugendliche viel zu wenig direkt an Entscheidungsprozessen beteiligt. Noch immer ist die Stadt viel zu wenig jugendorientiert. Eine Stadt, die sich modern weiterentwickeln möchte, braucht mehr als das schon jetzt vorhandene städtische und zivilgesellschaftliche Engagement.

Kamen im 21. Jahrhundert braucht eine pro-aktive Kinder- und Jugendbeteiligung an Entscheidungsprozessen, die von der Verwaltung und den Politikern verlangen wird, junge Menschen in alle Prozesse mit einzubinden. Wenn ich in den letzten Wochen und Monaten mit jungen Menschen gesprochen habe, habe ich leider viel zu häufig folgende Frage gehört: „Ach, wir dürfen mit 16 Jahren schon wählen?“ Abgesehen von einer kleinen Gruppe aktiver junger Menschen – wie viele Jugendliche wissen eigentlich, dass sie Möglichkeiten haben, sich ganz aktiv in die Politik einzubringen?

Vielerorts wird von Menschen in der Stadt ein Unwohlsein über junge Menschen im öffentlichen Raum bekundet. Wie können wir selber unter stärkerer Einbeziehung Jungendlicher in unserer Arbeit dazu beitragen, dass diese Probleme minimiert werden? Eine aktive Jugendarbeit muss junge Menschen auch mitentscheiden lassen, was für ein Zusammenleben in der Stadt erstrebenswert ist.

Als Bürgermeister werde ich sowohl Jugendliche aktiv in die Gestaltungs- und Entscheidungsprozesse einbinden, als auch selbst die Arbeit der Stadtverwaltung in unsere Schulen tragen. So werden die Möglichkeiten einer aktiven Mitgestaltung junger Menschen stärker verdeutlicht und die Schulen haben die Chance, sich auch in der lokalpolitischen Bildung der Jugendlichen aktiv einzubringen.

Die Zukunft einer Stadt im 21. Jahrhundert hängt wesentlich ab von der Art und Weise, wie die Stadt eine klare intergenerative Strategie hat. Welche Rolle haben ältere Menschen jetzt und in 20 Jahren in Kamen und wie können sie diese Rolle selbst bestimmen? Welche Optionen hat dabei die Jugend: Können junge Menschen ebenso selbstbestimmt jetzt schon an der Stadt ihrer Zukunft arbeiten? Wie entwicklen wir eine Haltung der Menschen und der Stadtverwaltung, die sowohl den jüngsten wie auch den ältesten Teilen der Gesellschaft hilft, ihre Stadt der Zukunft zu entwicklen?

Ein Bürgermeister für Kamen im 21. Jahrhundert muss genau diesen Prozess moderieren. Es muss in der Stadt eine Strategie entwickelt werden, die den Menschen den Freiraum schafft, diese Vision zu entwickeln. Dazu gehören nicht nur Handlungsspielräume, dazu gehören auch pro-aktive Handlungen der Verwaltung, die diese Spielräume überhaupt erst ermöglichen: Sich gemeinsam hinsetzen, diskutieren, ernst nehmen und ernst genommen werden.

Das muss sich auch in den Themen Innenstadt und Nebenzentren widerspiegeln: Was macht die Stadt attraktiver? Was macht Kamen attraktiv für Menschen, die auf Grund ihres Alters, ihrer körperlichen Beeinträchtigungen oder ihrer finanziellen Lage häufig ausgegrenzt werden? Wir brauchen noch mehr Mobilität, Möglichkeiten des nicht kommerziellen Treffens, Angebote, die Menschen nicht nur einladen, sondern tatsächlich abholen.

Zu einer intergenerativen Strategie gehören auch neue, kreative Ideen und Lösungsansätze, wie vor allem ältere Menschen in den Ortsteilen und Nachbarschaften versorgt werden und gleichzeitig aktiv am Geschehen der Stadt teilhaben können.

Einige machen die Stadt – alle sind die Stadt

Seit meiner Jugend kenne ich Kamen eigentlich nur als einen Ort, in dem sich die Menschen immer wieder darüber beschweren, dass die Stadt von einigen wenigen gemacht wird und viele daran nicht teilhaben wollen oder können. Das kann sich nicht nur ändern, das muss sich ändern! Räumliche Trennungen in der Stadt und die Trennung sozialer Gruppen haben in Kamen leider dazu geführt, dass sich sehr viele Menschen nicht mehr vertreten fühlen. Die Bewohner der Viertel abseits der Innenstadt und der Nebenzentren, so mein Eindruck aus zahlreichen Gesprächen vor Ort, spüren eine Entfernung zum Geschehen im Stadtzentrum, die auch einer teils sehr ausbaufähigen Infrastruktur geschuldet ist.

Doch alle Menschen in dieser Stadt gehören zum großen Ganzen, völlig unabhängig davon, welchen Status sie haben, wie viel Geld sie verdienen, wo sie geboren wurden, welche Sprache ihre Muttersprache ist und welche Religion sie ausüben.

Die kleine Oase zwischen den Autobahnen muss wieder alle Menschen in der Stadt ansprechen und braucht dazu eine verbindende Infrastruktur, aber auch vollkommen neue und vor allem experimentelle Ansätze und Ideen. So bekommen nicht nur Menschen, die sich sonst ausgegrenzt fühlen, eine Stimme, so bekommt die Stadt auch ein wesentlich höheres Potenzial an Gestaltungsmöglichkeiten aufgrund neuer Ideen und Kreativität.

Besonders das Thema Leerstand eröffnet hier sprichwörtlich neue Gestaltungsräume, um gemeinsam an einer solchen inklusiven Stadt zu arbeiten.

Straßen, Wege und Beleuchtung im öffentlichen Raum stellen in Kamen für viele Menschen Probleme dar. Einige Nachbarschaften sind so deutlich vernachlässigt, dass sie von uns allen ein schnelles Handeln fordern. Dabei müssen alle Betroffenen und Planenden vor dem Hintergrund der finanziellen Situation der Stadt besonders kreativ sein. Wenn aber gemeinsam an Handlungsstrategien gearbeitet wird, lassen sich gute Lösungsansätze schnell ermitteln.

Mit der Südkamener Spange gibt es in Kamen seit langer Zeit ein Verkehrsprojekt, dessen Umsetzung wichtig für die Infrastruktur der Stadt ist. Genauso wichtig ist aber eine neugedachte Verkehrsleitplanung, die auch den Öffentlichen Personennahverkehr mit einbezieht und Mobilität für alle Bewohnerinnen und Bewohner sicherstellt.

Dazu gehört auch eine Überarbeitung der innerstädtischen kostenlosen Parkmöglichkeiten. So würde eine Verlängerung der zulässigen Parkzeit den Aufenthalt in der Innenstadt für viele Menschen angenehmer und stressfreier gestalten.  Außerdem sollten diese – so wie die Wege innerhalb der Stadt und zwischen den Stadtteilen – besser ausgeschildert werden. Ein, vor allem für Besucher der Stadt, verständliches Parkleitsystem würde hier einen weiteren Pluspunkt für eine aktive Wirtschaftsförderung der Innenstadt von Kamen bedeuten.

Kamen ist durch die Zusammenarbeit mit seinen Partnerstädten international sehr gut verankert. Dies betrifft vor allem auch Schulen und Vereine, die seit Jahrzehnten im internationalen Austausch aktiv sind. Gleichzeitig fehlt Kamen aber eine internationale Projektarbeit. Die darin innewohnenden Chancen der internationalen Vernetzung, dem gegenseitigen von einander lernen und dem Erfahrungsaustausch, liegen im Moment praktisch brach.

Über eine verstärkte Internationalisierung unserer wichtigen lokalen Fragen, wie z.B. Leerstand, Wirtschaftsförderung, Stärkung der Zivilgesellschaft, kulturelle Bildung, aber auch Infrastrukturentwicklung, können wir einen deutlichen Mehrwert für die Stadt generieren, der sich zum Beispiel aus der finanziellen und ideellen Förderung von Projekten durch die EU ergeben würde.